In Zeiten von Corona

Unser Geschäft bleibt geöffnet und wir sind nachwievor rund um die Uhr für Sie im Einsatz. Wir stehen an Ihrer Seite und Ihnen zur Verfügung. Vereinzelt haben die Berliner Friedhöfe besondere Verhaltensregeln aufgestell, an die wir uns natürlich halten. Auch bei den Sterbeurkunden hat sich einiges geändert, nicht unbedingt durchgehend zum Guten, denn die Wartezeiten haben sich nicht verkürzt. Fragen Sie uns, wenn Ihnen etwas aufstößt – wir versuchen zu antworten.

Sie standen alle am Bett

Bevor meine Oma gestorben ist, wurde sie von Wahnvorstellungen heimgesucht. Das Wort Wahnvorstellung ist nicht schön, aber sie empfand den Zustand auch nicht als schön. Da standen plötzlich alle möglichen Leute um ihr Bett herum. Darunter ihr Vater und ihre Mutter und auch eine ganze Menge Personen, die sie gar nicht kannte. Noch wusste sie, dass es sich um Tagträume oder Halluzinationen handelte. Später ging dieser Zustand in ihr Verständnis von Realität über und ließ sich nicht mehr abstellen.

Sind solche Halluzinationen ein Zeichen für den nahen Tod? Einige Menschen sehen darin den Versuch von Verstorbenen, Kontakt mit ihren noch auf der Erde weilenden Verwandeten aufzunehmen. Andere, dazu gehören vor allem Mediziner, sehen darin nur einen Zustand, der durch Stress oder Krankheit oder beides hervorgerufen wird.

In jeder Familie gibt es diese Erzählungen. Bekannt ist ja aus medizinischer Sicht, dass das Gehirn selbst in der Lage ist, Drogen ähnliche Stoffe herzustellen, um große Schmerzen seelischer und körperlicher Art zu deckeln. Auch im Rausch schließlich erscheinen uns Dinge zwischen Himmel und Erde und wir halten sie für ganz plausibel.

Woher rühren Halluzinationen?

Austrocknung: Im Alter lässt das Bedürfnis nach, etwas zu trinken. Viele Menschen müssen sich regelrecht dazu zwingen. Zu wenig Wasseraufnahme ist nicht förderlich für die Gesundheit und kann auch zu Halluzinationen führen.

Tinnitus: Das Klingeln im Ohr kann auf Dauer vom Zentralhirn umgedeutet werden und man fängt an, Stimmen zu hören.

Hohes Fieber: Bei hohem Fieber träumen wir oft besonders extrem. Die Träume können auch am Tage auftreten.

Demenz: Mit einer Beeinträchtigung des Gehirns nehmen auch die Halluzinationen zu.

Medikamentenmissbrauch: Viele ältere Menschen nehmen ihre Medikamente nicht konsequent oder durcheinander ein. Die daraus resultierenden Vergiftungszustände können zu einem Rausch führen.

Schlaganfall: Ein Hirnschlag kann das Nervensystem schädigen und ebenfalls zu Halluzinationen führen.

Wenn Sie selbst an Halluzinationen leiden und diese Zeilen hier lesen, dann müssen Sie sich nicht allzu viele Sorgen machen, dass Sie gleich verrückt werden. Ihr Denkapparat hatte nur ein paar Aussetzer und Sie sollten sich vielleicht mal von Ihrem Arzt durchchecken lassen.

Ist einer Ihrer Angehörigen betroffen, sollte man zuerst klären, woher die Halluzinationen herrühren. Meist ist das am naheliegendste der Auslöser. Oder eine Kombination aus mehreren Faktoren: Jemand hat gerade seinen Partner verloren und dabei seine tägliche Trinkroutine vergessen, sprich eine Dehydrierung provoziert.

Ein Tagtraum, in dem man auf die Toten trifft, muss nicht gleich ein Zeichen aus dem Jenseits sein. Feststeht allerdings, dass die Wahrscheinlichkeit, an Halluzinationen zu leiden, in der letzten Lebensphase zunimmt.

Das richtige Lied zum Abschied

Ja, ich habe in einem Trauergottesdienst auch schon erlebt, dass der Herr Pfarrer genervt zur Orgelempore hochschaute. Dort blieb das Instrument aber stumm und stattdessen quäkte Queen aus einem transportablen CD-Spieler und schallte Rock&Roll durchs Kirchenschiff.

Welche Musik zur Trauerfeier ist angesagt? Oft wird noch auf Tradition gesetzt, die Kirche ist ja keine Disco. Aber warum eigentlich nicht? Das letzte Mal läuft das Lieblingslied des Verstorbenen. Welches ist das richtige? Auf den Pfarrer sollte man dabei nicht Rücksicht nehmen. Denken Sie an Ihren Angehörigen, für den Sie das letzte Mal den DJ spielen. Es muss nicht Orgelmusik sein. Es kann auch mehr sein, nicht nur ein Song, drei sind schon möglich. Aber dann sollte es auch genug sein.
Lieder können viel mehr Emotionen transportieren als eine Trauerrede. Jeder im Raum hat seine Erinnerungen parat, wenn eine bestimmte Melodie erklingt. Es gibt eine Art Hitparade der Totenlieder. Dazu gibt es viel im Internet zu finden. Und tatsächlich läuft oft Sinatra, “I did it my way”. In den Rankings tauchend Klassiker, deutsche Hits und auch Fremdsprachiges auf. Häufig können wir als Bestatter auch bei der Auswahl helfen. Besser ist es aber, wenn die Angehörigen uns Tipps geben können, welche Musik aufgespielt werden soll. Wenn Zeit und Muße herrschen, wird auch Live Musik geboten. Ein Akkordeon, eine Geige. Jemand singt. Musik trägt Botschaften und die Abschiednahme erreicht die Herzen der Anwesenden besser.

Das richtige Lied …

Fazit: Das “richtige” Lied zum Abschied gibt es nicht, genauso wenig wie es den richtigen Musikgeschmack gibt. Lassen Sie sich bei der Wahl der Songs nicht von Stilfragen beeinflussen. Gut ist auch, noch zu Lebzeiten abzufragen, welches Lied sich denn der Angehörige wünschen würde, wenn er einmal nicht mehr ist.  Da können Sie auch so manche Überraschung erleben: Meine Oma z.B. liebte zu Lebzeiten deutsche Schlager, Karel Gott, Vicki Leandros, Bernd Clüver, aber zur Beerdigung wünschte sie sich einen Hit der Rolling Stones.

Die Frau auf dem Balkon

Ich habe sie länger nicht gesehen, die alte Dame vom Balkon gegenüber. Die Menschen in seiner Nachbarschaft begegnen einem immer wieder in geordneter oder chaotischer Regelmäßigkeit. Der eine läuft wie ein Uhrwerk jeden Morgen zur selben Zeit an meinem Fenster vorbei und schiebt seine Gehhilfe energisch vor sich hin, eine andere rollt mit ihrem Rollator gemächlich immer in der Mittagszeit zu einem nahen Supermarkt und bleibt kurz vor meinem Fenster zum Verschnaufen stehen. Gegenüber meines Zuhauses ist ein Seniorenwohnheim. Kein Altersheim, es sind Ein bis Zwei-Zimmer-Wohnungen, die Menschen über 60 anmieten können. Hier können sie selbstbestimmt ihren letzten Lebensabschnitt verbringen. Alle haben einen kleinen Balkon zur Straße und die aktiveren nimmt man wahr, wenn sie auf dem Balkon stehen und sich um ein paar Balkonblümchen kümmern. Der nicht so aktiven wird man gewahr, wenn durch die  Vorhänge das Licht ihrer großen Fernsehr flimmert.

Die besagte Dame von gegenüber stand immer auf dem Balkon und schaute sehnsüchtig in die Straße, mehr in die Ferne, in eine nur ihr bekannte Heimat. Manchmal habe ich sie auch unterwegs auf einer Bank sitzen sehen. Ich  habe sie immer gleich erkannt an ihrem Lockenmop auf dem Kopf. Mich schien sie nicht zu erkennen, ihr Blick ging immer durch mich hindurch. Sie sprach auch nicht unsere Sprache, nur gebrochen. Sie kam wohl aus Bulgarien und war im Alter ganz ohne Angehörige. Ich habe sie immer nur allein gesehen. Ein paar Jahre lang. Jetzt habe ich gestern nach drüben geblickt und mit Schrecken festgestellt, dass die Vorhänge weg sind und auch der Balkonkasten. Sie ist von uns gegangen, die Dame auf dem Balkon. Wieder ist ein Appartment in dem Seniorenhaus frei geworden. Endstation Sehnsucht.

Die Toten von 2018

In unseren Gedanken leben sie weiter, die Angehörigen die wir gestern, vor einem Jahr oder vor einer Ewigkeit verloren haben. Über manche Menschen wird noch dann gesprochen, wenn auch die Zeitzeugen ihres Wirkens verstorben sind. Wir orientieren uns gerne an Vorbildern, das können Menschen aus der Wissenschaft, dem Kultur- und Sportleben sein, Schauspieler, Helden. Die Medien versorgen uns täglich mit neuem Futter, wer mit wem, wer gegangen, wer krank, verliebt, oder sonst was ist. Manchmal berauschen wir Älteren uns an der Nachricht, dass einer aus unseren Reihen von uns gegangen ist. Ihn hat der Krebs geholt, wir leben noch. Mit bekannten Gesichtern aus der bunten Medienwelt schaffen wir uns einen Familienersatz, vielleicht sogar einen für die Götter. Die Griechen hatten ihre Götterfamilie und mit ihr jede Menge Spaß und jede Menge endlose Geschichten.

Wenn man älter wird, werden die Götter älter und sie sind nur auf der Leinwand, in der Glotze, auf dem Computermonitor oder Handydisplay unsterblich. Dazu gehört auch der schwedische Unternehmer Ingvar Feodor Kamprad, der im Januar 2018 mit 91 verstarb. Kein Medienstar, sein Gesicht den wenigstens bekannt. Aber sein “Kind” IKEA – in Berlin mittlerweile 3 mal vertreten – ist jedem vertraut. Ein Massenphänomen. Als ich 1989 noch mit dem Bus nach Spandau fuhr und mir stolz mein erstes Ivar-Regal für meine erste Bude in Kreuzberg kaufte, war das ein Erlebnis.

Eine Stimme, die letztes Jahr für immer verstummt ist, wenn man von ihrer enormen Präsenz im Fernsehen absieht, gehörte Wolfgang Völz. Der gebürtige Danziger und allen Jüngeren als die Stimme von Käptain Blaubär bekannte Schauspieler und Synchronsprecher aus Berlin, starb 2018 im Alter von 87 Jahren. Die Älteren von uns kennen ihn aus Raumpatroille Orion und den Wallace-Krimis. Völz ist ein gutes Beispiel für einen Menschen, der allein durch seine Stimme prägend für viele von uns war. Seine Asche wurde im Juni 2018 im Kolumbarium des Friedhofs Wilmersdorf beigesetzt. Seine Stimme wird uns noch lange im Ohr bleiben.

Auf Venyl wird ihre Stimme nie verstummen, aber im echten Leben verstarb Montserrat Caballé im Oktober 2018. Sie wäre 86 geworden. Sie galt als eine der letzten Diven der Opernwelt und wurde in ihrer 55jährigen Bühnenkarriere auch außerhalb der Klassik bekannt, als sie zusammen mit Freddie Mercury ein Duett hinlegte. Manchmal legt mein Nachbar diese Platte auf, vor allem in der Nacht, vor allem wenn es Sommer ist und er verliebt. Dann tönt es bei offenem Fenster über die ganze Straße: Barcelona.

Ich weiß nicht, wer hier den Namen von Lys Assia, alias
Rosa Mina Schärer, kennt. Die Schweizer Schlagersängerin und Entertainerin kenne ich nur deswegen, weil meine Oma in meiner Kindheit immer eines ihrer Lieder trällerte. Das es von Lys Assia stammte, habe ich heute durch meine Internetrecherche gelernt. Vielleicht kennen Sie Ihren Hit, „Weiße Hochzeitskutsche“ von 1946. Mit „O mein Papa“ (1950) wurde sie jedenfalls international bekannt und hat dadurch hier ihren Ehrenplatz bekommen.

Verstummte Stimmen

Schreiben Sie uns, welche Stars Sie vermissen und an wen Sie gerne denken. info@harold-bestattungen.de Stichpunkt: “Verstummte Stimmen”