Trost für Trauernde

Im letzten Jahr stieß ich im ZEIT Magazin auf eine Story aus Potsdam, die mich persönlich sehr angesprochen hat. Aus einem persönlichen Schicksalsschlag wurde eine schöne Idee, dann ein Projekt, das auch anderen in gleicher mißlicher Lage helfen kann. Das erste Kind von Daniela Becker, der Initiatorin von Balduins Box, hat nur drei Monate gelebt. Das Krankenhaus hat der kleine Balduin nicht verlassen. Von Seiten des Personals hat Frau Becker leider wenig Anteilnahme erfahren. Es weckte in ihr den Wunsch, mit den Gefühlen der Trauer aktiver und sinngebender umzugehen. “Gefühle”, so Daniela Becker, ” kann man nur zulassen, wenn man etwas singt, schreibt, malt oder riecht.” Aus diesem Ansatz wurde eine “Trauerhilfe” geschaffen, die Box, die nach ihrem ersten Sohn benannt ist.

Menschen brauchen Trost

Die ganze Erstellung, Vermarktung und Verschickung der Boxen wird zu einem Projekt, das bewirkt, dass die Menschen ins Gespräch kommen. Oder eben auch nicht: beim gemeinsamen Bemalen und Befüllen der Boxen kann man, muss man aber nicht reden. Man kann konkret über seine Trauer sprechen, kann aber auch ohne Gesichtsverlust über die kreative Arbeit sprechen, in der man sich gerade vertieft. Das gemeinsame Tun verbindet und spendet schon an sich Trost, Wärme und Empathie.

Denn das genau brauchen Menschen in schwierigen Zeiten. Balduins Box verschickt bundesweit sogenannte Trostboxen an Trauernde, die gerade einen lieben Menschen verloren haben. Auch Kliniken, Hebammen und Sterbebegleiter gehören zu den Adressaten. In den Boxen befinden sich u.a. ein Rosenquarzstein, Sonnenblumensamen, Buntstifte und ein Liederheft. Die Boxen werden liebevoll individuell bemalt und verschickt, darum kümmern sich Ehrenamtliche und deren Kinder. Eine kleine Fotoauswahl verdeutlicht die Idee ganz konkret.

Wenn jemand einen geliebten Menschen verliert, wissen wir oft nicht, wie wir ihm in der Trauer beistehen können.
Balduins Box gemeinnütziger e.V. hilft hier mit einer Trost-Box.

Balduins Box

Weitere Infos

Daniela Becker

Totenbett, eine Geschichte

Bei vielen Naturvölkern war es üblich, dass sich Sterbende in die Wildnis zurückzogen, um dort zu sterben. Der Sterbende hat sich dann irgendwo versteckt, damit ihn wilde Tiere nicht anfallen und ist allein verstorben. Ein schreckliches Bild. Tröstlicher ist die Vorstellung, im Kreise seiner Lieben zu sterben. Nur machen das die Lieben auch mit? Und wie viele Menschen sterben heute im Single-Haushalt, also allein? Allein in der Wildnis Stadt, wo einen die Nachbarn nicht kennen und es an der Tagesordnung ist, dass die Feuerwehr in eine Wohnung einbricht, weil es im Treppehaus nach Verwesung riecht.

Jedes Jahr sterben in Deutschland etwa 900 000 Menschen – davon laut einer Erhebung aus dem Jahre 2019 des Deutschen Evangelischen Krankenhausverband (DEKV) 77 Prozent entweder in einer Klinik oder im Pflegeheim. Eine weitere Studie stützt diese Zahlen: Das Max-Planck-Institut hat 2018 festgestellt, dass der Anteil derer, die im Krankenhaus sterben, zwar seit langem rückläufig ist, aber immer noch 46 Prozent betrage und seit 2016 stagniere.

Zuhause sterben wünschen sich viele, aber die Mehrheit stirbt dort nicht. Eine Möglichkeit sind Hospize, in denen die Sterbenden ihre letzten Monate verbringen können und optimal versorgt sind. Allerdings gibt es hier eine größere Nachfrage als das Angebot:

In Deutschland gibt es aktuell rund 250 stationäre Hospize. Die 230 stationären Hospize für Erwachsene verfügen über etwa 2.300 Betten und betreuen pro Jahr rund 30.000 Patienten. Evangelische Einrichtungen leisten hier einen deutlichen Beitrag: mehr als ein Viertel der Einrichtungen sind im Jahr 2015 in evangelischer Trägerschaft.

Schätzungen gehen davon aus, dass in Deutschland 1,5 Prozent der Bevölkerung, also 1,2 Millionen Menschen, eine Palliativbetreuung benötigen. Dabei umfasst dieser Begriff nicht nur die Begleitung in den letzten Lebenstagen, sondern die Betreuung von Menschen, die von nicht heilbaren, lebensbedrohenden Erkrankungen betroffen sind und interdisziplinäre medizinische, psychologische, soziale und spirituelle Unterstützung benötigen. Zwischen 1,2 Mio und 30.000 klafft also eine gewaltige Lücke!

Es muss schnell gehen? Muss es nicht!

Wenn ein Mensch stirbt, sorgen die Angehörigen meist dafür, dass der Leichnam schnell abgeholt wird. Zeit für Abschied bleibt da nicht, obwohl der Gesetztgeber diesen zulässt. D.h. die Szenen vom Sterbebett, an dem die Angehörigen Abschied nehmen, finden wir nur noch in der Literatur und in der Malerei. Die Realität sieht meist anders aus.

Einige Angehörige fürchten sich vor der Veränderung des Toten, vor seiner Verwesung oder vor Giften. Diese Angst ist unbegründet: Ein normal Verstorbener verändert sich aus hygienischer Sicht nicht, auch nicht in den ersten Tagen. Viele Menschen wollen einfach nicht mit einem Toten zusammen in einer Wohnung sein. Der Tod ist ein Tabu in unserer Gesellschaft. Man kann den Angehörigen aber nur empfehlen, sich Zeit zu nehmen – in Gegenwart des Verstorbenen, in der vertrauten Umgebung, im Sterbezimmer. Erst nach der Bestattung, wenn die Hektik vorbei ist, wird einem der Verlust wirklich bewusst, dann ist es für eine trostspendende Verabschiedung zu spät. Früher war eine Aufbahrung zuhause üblich. Noch etwas bei dem Toten zu verweilen, kann sehr tröstlich sein, um den Verlust zu realisieren. Durch die Eindrücke, so schockierend sie sein mögen, so groß die Angst davor ist, das Sehen erleichtert das Begreifen und leitet die Trauer besser ein. Dass ein Verstorbener aus der Klinik oder aus dem Pfle­geheim zur Aufbahrung nach Hause geholt werden darf, wissen viele Angehörige nicht.

36 Stunden zuhause – für den Abschied

Aufbahrung meint, dass der Tote von den Hinterbliebenen besucht, betrachtet und berührt werden kann. Vorher wird er vom Bestatter gewaschen und einge­kleidet. Die Angehörigen können dies auch selbst über­nehmen. So wird ein ansehnliches Erscheinungs­bild des Verstorbenen hergestellt. Voraus­setzung für eine Aufbahrung ist, dass der Tote nicht an einer melde­pflichtigen Krankheit gelitten hat. Im Fall von Corona wird dies also leider erschwert. Ansonsten gibt es Fristen, wie lange ein Toter zu Hause aufgebahrt werden darf. Dies regeln die Bestattungs­gesetze der Bundes­länder. In den meisten gilt eine Frist von 36 Stunden. In Brandenburg und Sachsen sind es nur 24 Stunden. In Bayern legen die einzelnen Kommunen den konkreten Zeitraum fest. Läuft die Frist ab, muss der Tote in eine Leichenhalle über­führt werden. Auf Antrag ist aber sogar eine längere Aufbahrung zu Hause möglich.

Welcher Raum eignet sich am besten?

Ein separater Raum, der in diesen Tagen nicht beheizt wird. Gerüche sind nach einer so kurzen Frist nicht zu befürchten.

Wie möchten Sie sterben?

Viele Menschen geben als Antwort auf die Frage, wie sie sterben möchten an, dass sie nicht in das System der Intensivmedizin geraten möchten, wenn es keine Heilungschance mehr gibt. Sie wünschen sich einen schmerzfreien Tod und einen geborgenen Rahmen, der auch die Angehörigen unterstützt. So hätten sie mehr Zeit, um Abschied zu nehmen, vom eigenen Leben und von den Menschen, die dazu gehörten. Solch ein Raum könnte ein Platz in einem Hospiz darstellen.

Weihnachten alleine

Für viele bedeutet Weihnachten auch Stress, denn wenn man älter wird, werden meisten nicht nur die Haare dünner, sondern auch die Kontakte. In einem unserer letzten Beiträge auf dieser Webseite schrieben wir über den Verlust des Partners ausgerechnet zu Weihnachten. Wenn man jetzt aber schon alleine lebt und das in Zeiten von Corona dann bedeutet Weihnachten noch mehr Stress als gewöhnlich. Denn angeblich feiern ja alle zum Jahresende glücklich mit ihrer Familie im trauten Heim. Es gibt nur Harmonie und Liebe und alle verstehen sich prächtig. Streit? Was ist das das? Neid? Kenn ich nicht. Weihnachten versöhnt alle. Dass das nicht tsimmt, wissen wir doch alle. Aber was tun zu Weihnachten, wenn es auch noch in Zeiten der Pandemie im Grunde unmöglich gemacht wird, sich zu treffen und draußen an öffentlichen Orten, in Kulturbetrieben oder Restaurants jemanden anzusprechen. Wenn sich auch ohne Corona schon die Frage aufwirft, mit wem soll ich denn feieren? Kein Partner, Kinder leben im Ausland, Freunde sind schon lange verstroben, im Heim oder unbekannt verzogen.

Die Chance der Großstadt

Berlin ist eine Großstadt, aber die Anonymität wird in den Kiezen oft gebrochen, man kann auch jemand wild fremdes ansprechen und ein Schwätzchen übers Wetter pflegen. Das tut gut für die Seele, man fühlt sich gleich viel besser. Der Sprechapparat lockert sich und das Hirn wird durchlüftet. Das kostet natürlich Überwindung. Vielleicht noch mehr als sonst. Die Angst, die man sowieso schon hat, wird durch Corona nicht geringer. Aber in fast jedem Kiez gibt es Persönlichkeiten, die aus der Menge herausstechen.

Der humpelnde Andreas, der fast täglich seine Haare anders färbt und mit seinem Promenaden-Mischling um die Ecke kommt. Er sieht furcherregend aus mit seinen Tattoos und klappernden Ohrringen, aber er hält gern ein Schwätzchen und man sieht ihn immer wieder ins Gespräch vertieft mit den unterschiedlichsten Leuten.

Oder der Herr Lehmann von nebenan, immer noch fast 2 m groß, leichter Bauchansatz und volles Haar (siehe oben) trotz seiner fast 80 Jahre! Mit seinem gewinnenden Lächeln und dem freundlichen unbegrillten Blick grinst er jeden an, der ihn anschaut. Ein Schwätzchen in Ehren kann er nicht verwehren. Er kennt die Leute aus der Siedlung, zieht aber nicht über sie her. Er kann gut zuhören und verbreitet gute Laune. Solche Persönlichkeiten gibt es auch mit oder trotz Corona. Lassen Sie wir sie nicht m Regen stehen und stellen und selbst dazu – natürlich mit Abstand. Aber ehrlich gesagt, an der frischen Berliner Luft wird niemand so schnell krank. Schlimm ist es, wenn man tagelang im eigenen Saft im Berliner Zimmer schmort und mit niemanden außer dem Spiegelbild spricht, das einem jeden Morgen im Badezimmer übel gelaunt begegnet.

Die Pest verkriecht sich

Halten Sie die Augen offen und versuchen sie raus zu gehen und mit den Menschen in Kontakt zu bleiben. Das tut gut. Bald werden die Tage wieder länger, die Temperaturen steigen und die Pest verkriecht sich erst mal wieder in ihre Löcher. In diesem Sinne, lassen Sie sich nicht unterkriegen und halten Sie durch.

Ihr Harold.

Sie standen alle am Bett

Bevor meine Oma gestorben ist, wurde sie von Wahnvorstellungen heimgesucht. Das Wort Wahnvorstellung ist nicht schön, aber sie empfand den Zustand auch nicht als schön. Da standen plötzlich alle möglichen Leute um ihr Bett herum. Darunter ihr Vater und ihre Mutter und auch eine ganze Menge Personen, die sie gar nicht kannte. Noch wusste sie, dass es sich um Tagträume oder Halluzinationen handelte. Später ging dieser Zustand in ihr Verständnis von Realität über und ließ sich nicht mehr abstellen.

Sind solche Halluzinationen ein Zeichen für den nahen Tod? Einige Menschen sehen darin den Versuch von Verstorbenen, Kontakt mit ihren noch auf der Erde weilenden Verwandeten aufzunehmen. Andere, dazu gehören vor allem Mediziner, sehen darin nur einen Zustand, der durch Stress oder Krankheit oder beides hervorgerufen wird.

In jeder Familie gibt es diese Erzählungen. Bekannt ist ja aus medizinischer Sicht, dass das Gehirn selbst in der Lage ist, Drogen ähnliche Stoffe herzustellen, um große Schmerzen seelischer und körperlicher Art zu deckeln. Auch im Rausch schließlich erscheinen uns Dinge zwischen Himmel und Erde und wir halten sie für ganz plausibel.

Woher rühren Halluzinationen?

Austrocknung: Im Alter lässt das Bedürfnis nach, etwas zu trinken. Viele Menschen müssen sich regelrecht dazu zwingen. Zu wenig Wasseraufnahme ist nicht förderlich für die Gesundheit und kann auch zu Halluzinationen führen.

Tinnitus: Das Klingeln im Ohr kann auf Dauer vom Zentralhirn umgedeutet werden und man fängt an, Stimmen zu hören.

Hohes Fieber: Bei hohem Fieber träumen wir oft besonders extrem. Die Träume können auch am Tage auftreten.

Demenz: Mit einer Beeinträchtigung des Gehirns nehmen auch die Halluzinationen zu.

Medikamentenmissbrauch: Viele ältere Menschen nehmen ihre Medikamente nicht konsequent oder durcheinander ein. Die daraus resultierenden Vergiftungszustände können zu einem Rausch führen.

Schlaganfall: Ein Hirnschlag kann das Nervensystem schädigen und ebenfalls zu Halluzinationen führen.

Wenn Sie selbst an Halluzinationen leiden und diese Zeilen hier lesen, dann müssen Sie sich nicht allzu viele Sorgen machen, dass Sie gleich verrückt werden. Ihr Denkapparat hatte nur ein paar Aussetzer und Sie sollten sich vielleicht mal von Ihrem Arzt durchchecken lassen.

Ist einer Ihrer Angehörigen betroffen, sollte man zuerst klären, woher die Halluzinationen herrühren. Meist ist das am naheliegendste der Auslöser. Oder eine Kombination aus mehreren Faktoren: Jemand hat gerade seinen Partner verloren und dabei seine tägliche Trinkroutine vergessen, sprich eine Dehydrierung provoziert.

Ein Tagtraum, in dem man auf die Toten trifft, muss nicht gleich ein Zeichen aus dem Jenseits sein. Feststeht allerdings, dass die Wahrscheinlichkeit, an Halluzinationen zu leiden, in der letzten Lebensphase zunimmt.

Das richtige Lied zum Abschied

Ja, ich habe in einem Trauergottesdienst auch schon erlebt, dass der Herr Pfarrer genervt zur Orgelempore hochschaute. Dort blieb das Instrument aber stumm und stattdessen quäkte Queen aus einem transportablen CD-Spieler und schallte Rock&Roll durchs Kirchenschiff.

Welche Musik zur Trauerfeier ist angesagt? Oft wird noch auf Tradition gesetzt, die Kirche ist ja keine Disco. Aber warum eigentlich nicht? Das letzte Mal läuft das Lieblingslied des Verstorbenen. Welches ist das richtige? Auf den Pfarrer sollte man dabei nicht Rücksicht nehmen. Denken Sie an Ihren Angehörigen, für den Sie das letzte Mal den DJ spielen. Es muss nicht Orgelmusik sein. Es kann auch mehr sein, nicht nur ein Song, drei sind schon möglich. Aber dann sollte es auch genug sein.
Lieder können viel mehr Emotionen transportieren als eine Trauerrede. Jeder im Raum hat seine Erinnerungen parat, wenn eine bestimmte Melodie erklingt. Es gibt eine Art Hitparade der Totenlieder. Dazu gibt es viel im Internet zu finden. Und tatsächlich läuft oft Sinatra, “I did it my way”. In den Rankings tauchend Klassiker, deutsche Hits und auch Fremdsprachiges auf. Häufig können wir als Bestatter auch bei der Auswahl helfen. Besser ist es aber, wenn die Angehörigen uns Tipps geben können, welche Musik aufgespielt werden soll. Wenn Zeit und Muße herrschen, wird auch Live Musik geboten. Ein Akkordeon, eine Geige. Jemand singt. Musik trägt Botschaften und die Abschiednahme erreicht die Herzen der Anwesenden besser.

Das richtige Lied …

Fazit: Das “richtige” Lied zum Abschied gibt es nicht, genauso wenig wie es den richtigen Musikgeschmack gibt. Lassen Sie sich bei der Wahl der Songs nicht von Stilfragen beeinflussen. Gut ist auch, noch zu Lebzeiten abzufragen, welches Lied sich denn der Angehörige wünschen würde, wenn er einmal nicht mehr ist.  Da können Sie auch so manche Überraschung erleben: Meine Oma z.B. liebte zu Lebzeiten deutsche Schlager, Karel Gott, Vicki Leandros, Bernd Clüver, aber zur Beerdigung wünschte sie sich einen Hit der Rolling Stones.